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Franziska Karlen will ein breites Publikum ins Schützenmuseum locken.© Schweizer Schützenmuseum Bern
Schweizer Schützenmuseum, Bern

«Fahren Sie aufs Land: Der Schiesssport lebt»

Seit Kurzem leitet Franziska Karlen das Schweizer Schützen­museum Bern. Mit der BKA spricht sie über den Reiz, ein kleines Haus zu übernehmen. Und warum es von Arroganz zeugt, das Schützenwesen verstaubt zu finden.

Franziska Karlen, hatten Sie schon mal eine Schusswaffe in der Hand?
Nur hier im Museum: Ich bin in Bern aufgewachsen und kenne wie viele die Luftgewehranlage, die lange im Herrenbekleidungsgeschäft Kleider Frey stand. Ein Highlight der Museumsnacht. Aber das gab natürlich nicht den Ausschlag, dass ich die Leitung hier übernahm.

Sondern?
Ich glaube an das Potenzial des Schützenmuseums. Ich spreche hier als erfahrene Ausstellungsmacherin: Die Räume sind gross, die Themen vielfältig, ich habe motivierte Mitarbeiter*innen, eine engagierte Trägerschaft – ich freue mich auf die Herausforderung, mit einer neuen Dauerausstellung etwas aus diesem Ort zu machen.

Viele empfinden das Haus als verstaubt.
Das sehe ich anders. Mir gefällt gerade, dass es sich gegen die oft auch kurzlebigen Trends der Zeit bewahrt hat: Die Form der Ausstellung ist seit 1939 mehr oder weniger unverändert. Diese Wunderkammer-Atmosphäre fasziniert. Und, nicht zu vergessen: Der Besuch bei uns kostet nichts. Ein niederschwelliger Zugang zu Kultur, der mir am Herzen liegt, ist damit gegeben.

Sie waren zuvor neun Jahre im Leitungsteam des Bernischen Historischen Museums nebenan: ein grosses Haus mit grossem Team und vielen Ressourcen. Fehlen die Ihnen hier nicht?
Es reizt mich, zu schauen, was mit kleineren Mitteln möglich ist. Ich mache viel selber, wähle pragmatische Wege und suche machbare Lösungen. Das hat etwas Befreiendes. Und ich bin gut vernetzt: Wenn ich eine Frage habe, habe ich hier im Museumsquartier kompetente Kolleg*innen um die Ecke.

Hand aufs Herz: Schützenvereine, Pokale und Wappen – ist das nicht démodé?
Dieses Vorurteil höre ich oft. Viele scheinen zu glauben, dass Schiesssport passé sei. Es gibt aber aktive Stadtschützen. Und fahren Sie mal mit dem Regionalzug Richtung Emmental. Dann sehen Sie: Der Sport lebt, er ist Teil der gegenwärtigen ländlichen Kultur. Dem will ich auch hier in der Stadt, an bester Lage im Museumsquartier, Platz geben. Meine Herausforderung sehe ich darin, sowohl Leute aus der Stadt als auch Besucher*innen vom Land, die oft mit Herzblut beim Thema dabei sind, anzusprechen.

Es fällt auf, dass Sie schon die dritte Frau sind, die das Haus leitet. Sind Schützenvereine nicht eher ein Männerthema?
Historisch gesehen ja. Aber welches Thema denn eigentlich nicht? Das liegt in der Natur der Kulturgeschichte. Die ist patriarchal. Ich habe bisher kaum eine Ausstellung gemacht, in der es nicht so war. Denken Sie etwa an die «Mythos Samurai»-Ausstellung im Bernischen Historischen Museum. Da ging es auch um Waffen und Männer. Und zwar um Krieger. Kritisiert hat das niemand. Zudem gibt es heute übrigens viele Frauen, die im Sportschiessen herausragende Leistungen erzielen. Auch beim Zürcher Knabenschiessen gewinnen immer wieder Mädchen.

Sie planen eine umfassende Neu­gestaltung der Ausstellung. Was haben Sie vor?
Die neue Dauerausstellung soll 2024 eröffnet werden. Wir wollen definitiv mehr Storytelling machen, Aktualitätsbezüge schaffen und die Präsentation der Sammlung an Schlüsselpersonen und -objekten orientieren. Die Gegenstände erzählen so viel: Sportgeschichte, moderne Schweizer Geschichte, Vereinswesen, (Kunst-)Handwerk. Dazu werden auch viele Hands-on-Stationen gehören, wo die Besucher*innen etwas anfassen und so sinnlich erfahren können. Gleichzeitig möchte ich den Wunderkammer-Zauber nicht ganz aufgeben. Vielleicht werden wir eine Ecke so beibehalten – denn damit erzählen wir ein Stück Museumsgeschichte. Auch das Hausgespenst Freddy darf natürlich bleiben – eine Kinderführung, die sich auf die Spur des guten Geistes macht, gibt es schon heute.

Sie sind nun bald 100 Tage im Amt. Wollen Sie dem Schiessen nicht doch eine Chance geben?
Ich habe diesen Sommer das Feldschiessen besucht. Und verschiedene Schützenvereine haben mich bereits eingeladen. Mir ist wichtig, dass ich die Leidenschaft der Schütz*innen nachvollziehen kann, die Mechanik der Waffen verstehe und ein gutes Gespür für diesen Sport entwickle.

Schweizer Schützenmuseum, Bern
Täglich ausser Mo., 14 bis 17 Uhr

www.schuetzenmuseum.ch

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